Schriftliche Anfrage betreffend wissenschaftliche Basis für «Netto-Null»-Gebäude – Zielverfehlungen verhindern 26.5222.01
1.
Integraler Bestandteil des Klimaschutzaktionsplans sind Massnahmen, die auf eine Reduktion der Scope 3-Emissionen im Hochbau abzielen. Die wachsende Bevölkerung und der steigende Druck auf dem Wohnungsmarkt im Kanton werden aller Voraussicht nach eine weiterhin hohe Bautätigkeit im Kanton zur Folge haben. Zugleich ist bekannt, dass die Bauwirtschaft massgeblich zur Schweizer CO₂-Bilanz beiträgt. Verschiedene Vorstösse haben bereits die Förderung von zirkulären und biogenen Baustoffen, die Verbindlichkeit von CO₂-Zielen und die Berücksichtigung von grauer Energie gefordert.
Unterschiedliche Label und Instrumente zur CO₂-Bilanzierung sowie kantonale, nationale und internationale Bestimmungen beschäftigen sich zunehmend mit sogenannten «Netto-Null»-Gebäuden. Kern dieser Überlegungen sind Bilanzierungsberechnungen, bei welchen die Emissionen bei Erstellung und Betrieb von Gebäuden durch Negativemissionen – darunter direkte und indirekte, natürliche und technische CO₂-Senken – kompensiert werden.
Entscheidend für die tatsächliche klimatische Wirkung dieser Berechnungen sind die verwendeten Parameter und Definitionen. Die aktuelle nationale gesetzliche Grundlage in der Schweizer CO₂-Verordnung setzt für die Anrechenbarkeit der Senkenleistung eine Speicherdauer (sog. Permanenz) von mindestens 30 Jahren fest (Artikel 5 Absatz 2). Angesichts dessen, dass CO₂ über mehrere hundert Jahre in der Atmosphäre verbleibt, ist diese Schwelle ausserordentlich tief angesetzt. Brunner, Hausfather und Knutti (2024) schreiben, dass lediglich eine Permanenz-Schwelle von 1000 Jahren für eine ausreichende Kompensation zur Erreichung der Pariser Klimaziele ausreichen würde – dies liegt fernab der Lebensdauer von Gebäuden als CO₂-Speicher. Im Hochbau bedeutet das, dass eine erneute Emission – etwa aufgrund Um- oder Rückbaus – nur zu einer Verzögerung der Emissionen führt, nicht zu einer langfristigen Senke. Die intransparente Verrechnung von Negativemissionen unterschiedlicher Speicherdauer kann folglich zu Fehlschlüssen im Erreichen der Klimaziele führen.
Verschiedene Gutachten und Studien kommen deshalb zum Schluss, dass echte «Netto-Null»-Gebäude nach aktuellem Forschungsstand nicht möglich sind. Angesichts des kantonalen Netto-Null-Ziels bis 2037 ist es entscheidend, dass der Kanton Basel-Stadt hier mit gutem Beispiel vorangeht und sich auf ein ambitioniertes und wissenschaftlich fundiertes Verständnis von Permanenz und der Wirksamkeit von Negativemissionen im Bauwesen stützt.
Die Unterzeichnende bittet den Regierungsrat, folgende Fragen zu beantworten:

  1. 1. Welche Definition von Permanenz und Gebäudelebensdauer ist für die Umsetzung des Klimaschutzaktionsplans, insbesondere Massnahmen b1, b2 und b5 vorgesehen, und wie beurteilt der Regierungsrat die wissenschaftliche Basis der heute verwendeten Definitionen?
  2. Wie plant der Regierungsrat in der Umsetzung des Klimaaktionsplans aktuell zwischen temporären und permanenten Senken zu differenzieren, um Fehlanreize in der Treibhausgasbilanzierung zu vermeiden?
  3. Wie gedenkt der Regierungsrat die Speicherung von CO₂ in Gebäuden über deren Lebenszyklus zur Erreichung der Massnahmen b1, b2 und b5 systematisch erfass- und dokumentierbar zu machen?
  4. Wie beurteilt der Regierungsrat die Bedeutung eines langfristigen Betrachtungshorizonts bei der CO₂-Speicherung in Gebäuden, um Re-Emissionen bei Um- und Rückbau korrekt zu bilanzieren – und so eine Verzerrung der Netto-Null-Ziele im Hochbau zu vermeiden?
  5. Wie beurteilt der Regierungsrat die Wirksamkeit von Negativemissionen im Verhältnis zu direkter CO₂-Reduktion – kurz-, mittel- und langfristig?
  6. Wie können Massnahmen zur CO₂-Reduktion entsprechend diesem Verständnis von Wirksamkeit priorisiert werden?

Quellen

  • Brunner, C., Hausfather, Z. & Knutti, R. Durability of carbon dioxide removal is critical for Paris climate goals. Commun Earth Environ 5, 645 (2024). https://doi.org/10.1038/s43247-024-01808-7
  • Frischknecht, R & Pfäffli, K. Bilanzierung von Negativemissionen (NET) im Bauwesen. Berechnung und Beitrag von NET zum Klimaziel Netto-Null.
  • Fachstelle Umweltgerechtes Bauen, Amt für Hochbauten der Stadt Zürich (2023).
  • Priore, Y. D. et al. Netto-Null Treibhausgasemissionen im Gebäudebereich (NN-THGG). Übersichtsbericht. Bundesamt für Energie BFE (2024).

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